Leises Blubbern in Arenal: Wenn im Winter die Kunden wegbleiben

Im Sommer brummt das Geschäft. Aber jetzt im Winter bleiben auf einmal die Kunden weg. Tanja Kasper betreibt ein Nagelstudio im Touristenort Arenal auf Mallorca. Norbert Naujoks hat die Gründerin gefragt, wie sie im Winter über die Runden kommt. 

Gründerin Tanja Kasper auf Mallorca

Norbert Naujoks, Gründungsberater und Experte für Deutsche im Ausland, traf Tanja Kasper in Ihrem Nagelstudio in Arenal

Name & Geburtsjahr: Tanja Kasper, 1971
Beruf: Selbständig mit einem Nagelstudio in Arenal, Mallorca
Name des Betriebs: CrazyNails (Telefon: +34-699-335-22)
Angebot: Fisch-Spa, med. Fußpflege, Nägel, Wimpernverlängerung, Massage,
Friseur, Permanent Make-Up

Beanspruchte Fördermittel / Beratung: Keine

An einem Freitag im November auf Mallorca, keine dreißig Meter weit vom Strand in einer Nebenstraße gelegen, klingelt es an der Tür. Tanja Kasper macht auf: Die 46jährige betreibt in Arenal seit September einen Beauty-Salon. Die ersten Wochen über brummte das Geschäft, jetzt, mit Beginn der Wintersaison, bleiben plötzlich die Kunden fern. Über Nacht hat sich der für Eskapaden, Bier- und Badekultur berühmte Touristenort in eine wie menschenleere Geisterstadt verwandelt. Die meisten Läden sind dicht, die Fenster mit Jalousien verrammelt, verhangen oder von innen weiß ausgemalt. Die Terrassen der Bier- und Strandbars sind bis auf ein paar einsame Gäste leer.

Gründerberater Norbert Naujoks besucht Frau Kasper zum Interview. Eine Kundin umsorgt sie noch, dann nehmen die beiden Platz und beginnen zu plaudern. Leise brummen und blubbern die vor den Fußbereich quadratischer, auf der Innenseite mit Stoff ausstaffierter Stühle montierten Wasseraquarien; zehn solcher Fisch-Spas gibt es im Laden, jedes Lebensraum für rund Einhundert Doktorfische.

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Liebe Tanja, tut das den Fischen so gut, wenn man seine Käsefüße da rein hält?
Ja, den Fischen geht’s gut. Die haben danach immer Hunger (Lacht). Die saugen die Eiweißschicht von den Füßen, die tote Haut.

Anfang des Jahres hast du Deutschland den Rücken gekehrt und bist gemeinsam mit deinem Mann und deinem Sohn nach Mallorca gezogen, um ein Nagelstudio zu eröffnen. Du hast vorher weder einen Gründungszuschuss noch eine Beratung in Anspruch genommen, korrekt?
Ja, stimmt. Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, welche Ansprüche ich da habe. Hätte ich das gewusst, hätte ich natürlich alles an Förderung angenommen, was ich bekommen kann. Das hätte uns sehr geholfen.

Wie bist du gestartet? Bist du in Deutschland einfach ins Flugzeug gesprungen und her?
Das war so: Wir waren im Urlaub hier und dachten bei uns: Hier wollen wir leben! Aber nicht erst, wenn wir alt und in Rente sind, sondern jetzt gleich. Manchmal kommt man ja im Leben an diesen Punkt, an dem man sich fragt, ob es das jetzt gewesen ist. Oder ob noch was kommt. Die Entscheidung fiel im Oktober 2016. Im Dezember haben wir die Wohnung gemietet und im Februar sind wir her. Ich hatte erst einen kleineren Laden und seit September habe ich den größeren hier. Hier kann ich viel mehr gestalten und anbieten. Und zusammen mit der Familie arbeiten.

Wie waren bislang deine Erfahrungen mit deinem Salon?
Anfangs eigentlich ganz gut. Aber seit Anfang November gibt es einen spürbaren Cut. Im Sommer hatte ich durchgehend Kundschaft, von morgens um neun bis Abends um zehn. Und jetzt, von heute auf morgen, ist die Saison einfach um. Da merkt man dann schon, dass es weniger wird, um einiges weniger. Aber ich glaube, das ist typisch für Arenal. Denn außer der Touristen kommen hier nicht viele freiwillig her. Die Stadt hat nicht den besten Ruf auf der Insel. Und von den Mädels, die im Sommer hier arbeiten, bleiben im Winter vielleicht 20 Prozent.

Was zahlt ihr für den Laden an Miete?
Rund 750 Euro im Monat für so ungefähr 120 Quadratmeter. Alle drei Monate kommen cirka 300 Euro für Strom und Wasser dazu.

Und den Sommer über lief es gut? Gut genug, um den Winter zu überstehen?
Die haben mir richtig die Tür eingerannt. Vor allem dank der hier wohnenden Mädels lief's toll. Manchmal musste ich die Urlauber sogar wegschicken. Ich habe ja nur zwei Hände. Meine Stammkundinnen kommen das ganze Jahr über. Und im Sommer muss ich genug verdienen, um die Wintermonate überbrücken zu können. Nächstes Jahr sollte ich vielleicht nicht ganz so oft teuer essen gehen, aber ich glaube, das funktioniert. Außerdem hilft mir mein Netzwerk auf Facebook. Über das ergibt sich immer mal was. (Frau Kasper hat 5.000 Freunde und rd. 13.000 Gefällt mir-Angaben auf der Geschäftsseite, https://www.facebook.com/tanja.kasper.52, Anm. d. Red.).

Hattest du schon einen Moment, in dem du hinschmeißen wolltest?
Ja du, ach, so jeden zweiten Tag (lacht). Aber nicht wegen des Geschäftlichen, sondern wegen des Drumherums, des Gesamtpakets. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Heimweh so trifft. Meine zwei älteren Kinder, meine Mutter und meine Freundinnen vermisse ich sehr. Und dieser extreme Kampf mit der Konkurrenz hier ist anstrengend. In Deutschland hatten wir unser Studio in einem 2.000 Einwohner-Ort, und da gab es fünf andere solcher Läden. Und trotzdem war es dort irgendwie entspannter als hier.

Habt ihr euch ein zeitliches Limit gesetzt, nach dem ihr neu evaluiert?
Nein. Wir bleiben so lange wir können, das ist klar. Auch weil unser Sohn Sandro hier bei mir im Salon seine Ausbildung macht. Das hier ist für mich nicht die Erfüllung eines uralten Traums gewesen, sondern einfach mal ein Versuch. Wenn es so richtig hart auf hart kommt, gehen wir halt wieder zurück. Aber ich werde alles versuchen, damit wir die Winterzeit gut überstehen.

Du lernst gerade Spanisch, sprichst es aber noch nicht. Ist das für dein Geschäft kein Problem?
O doch, ich hätte ja viel mehr Spanierinnen. Es waren schon einige da, aber kommen die wieder? Wenn ich in Deutschland zu einer Türkin gehen würde: Die könnte mir noch so gut die Nägel machen, wenn ich sie nicht versteh', dann komme ich bestimmt kein zweites Mal. Trotzdem waren die ersten Wochen hier sehr erfolgreich. Ja, und das Spanisch muss ich jetzt eben rasch lernen. Und vielleicht finde ich ja auch wen Einheimisches, den ich hier anstellen kann.

Und wie geht es jetzt weiter?
Meine Tochter bleibt den Winter über mit meiner Schwiegermutter zuhause in Deutschland, nächsten Sommer kommt sie her und hilft. Wir schauen jetzt mal, wie wir uns aufbauen, und dann sieht es nächste Saison schon wieder ganz anders aus. Und wegen der Winter überlegen wir noch. Im Winter ist hier halt wirklich zu wenig los, nicht nur in Arenal, sondern überall auf der Insel. Vielleicht gehen wir nächstes Jahr den Winter über woanders hin und kehren im Sommer zurück.

Kontaktdaten Tanja Kasper

Tel. +34-699-335-22

Fragen an die Redaktion richten Sie bitte per Mail an: nachricht@existenzgruenderhilfe.de